Seitdem 1979 ein frischgebackener Hausbesitzer in der Dieburger Straße eine ominöse Kellertür öffnete und damit das Tor in eine vergessene Unterwelt fand, sind sie in aller Munde: Die Darmstädter „Katakomben“. Diese Bezeichnung ist eigentlich falsch für die Gewölbekeller, Tunnel und Gänge, die sich unter Tage zwischen Dieburger Straße und Lucasweg befinden und sich bis zur Mathildenhöhe ziehen.
Während es sich bei Katakomben um Leichengewölbe handelt, wurde diese Anlage geschaffen, um etwas wesentlich Angenehmeres zu beherbergen: Es handelt sich um Bierkeller aus dem 19. Jahrhundert. Denn, kaum vorstellbar, damals herrschte in Darmstadt eine gravierende Biernot! Da die Einwohnerzahl von 10.000 Menschen um 1800 auf 70.000 bierdurstige Kehlen um 1900 emporschnellte, wurde es eng in den Lagerhallen der kleinen Brauereien, die sich hier angesiedelt hatten. Sie begannen ein ausgeklügeltes System von Gewölben in die Felsen an und unter der Mathildenhöhe zu schlagen. Das weiche Gestein dort bot aufgrund seiner kühlenden Eigenschaften einen enormen Vorteil: Die Temperatur im Bierlabyrinth blieb automatisch konstant bei neun Grad Celsius. Wurden niedrigere Temperaturen benötigt, schlug man des Winters Eis im Woog und schüttete es in sogenannte „Kühldome“, zur Oberfläche hin offene, kuppelförmige Höhlen, wodurch die Fässer sogar auf vier Grad heruntergekühl werden konnten – ganz ohne Elektrizität. Diese löste mit der Erfindung der Kühlmaschine Anfang des 19. Jahrhunderts die Bierkatakomben nach und nach ab.
1933 übernahm die Darmstädter Nazi-SA einen Teil der Kellersysteme und mit der Nutzung als Kerker brach ein finsteres Kapitel an: Die Darmstädter Unterwelt wurde zum Gefängnis, in dem jüdische Mitmenschen verschwanden. Doch Räume sind unparteiisch: So, wie sie vom nationalsozialistischen Regime zur Folter missbraucht wurden, so boten sie auch den Bürgern im Krieg Schutz vor Verfolgung und Bombenangriffen; viele wurden als Luftschutzbunker genutzt. Nach dem Krieg geriet die Stadt unter der Stadt in Vergessenheit. Heute sind viele Gänge verschüttet und eingebrochen.
Zu den „Katakomben“ gehört auch der Brauereitunnel, der unter der Dieburger- und Alexanderstraße verborgen liegt. Etwas Mystisches umgibt diesen Stollen, denn: Die Brauerei nutze ihn zwar, um Kühlwasser abzuleiten, doch gebaut wurde er schon wesentlich früher! Auf seiner gesamten Länge maß er einst 2,5 Kilometer und verband den Heiligen Kreuzberg (heute Tanzschule Bäulke) mit dem Schloss. Die Entstehung oder der Sinn des aufwändigen Grabwerks sind an keiner Stelle dokumentiert, was natürlich die Legende eines Geheimgangs nährt. Andere vermuten in dem Gang einen Fluchtweg, wieder andere hegen den langweiligen und dennoch wahrscheinlichen Verdacht, dass es sich um eine Art mittelalterliche Wasserleitung handelt. Gewusst wird allerdings wenig, weil sich die Forschungsaktionen über Darmstadts Unterwelt eher auf das Engagement ambitionierter Einzelpersonen stützen als auf systematische Untersuchungen. So bleiben die vielen anderen Gänge, in denen sich nach Erzählungen der älteren Generation im Krieg auf der Suche nach Schutz Liebespaare fanden und Lausbuben spielten, genauso eine Legende wie die Beschaffenheit der Gänge unter dem Herrngarten und dem Schloss, die im 18. Jahrhundert Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt nach Eigenaussage samt ihrer eigenen Gruft selbst gebuddelt haben will. In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie 1774: „Lassen Sie mich in dem großen Boskett im englischen Garten begraben. Man wird daselbst eine Grotte finden, die außer mir, ihrem Werkmeister, niemand bekannt war.“ Sollte Caroline uns nicht angeschwindelt haben, müsste sich diese dort, unter ihrem Grab hinter dem Staatsarchiv im Herrngarten, noch heute befinden.
