Deutsche Sprengchemie
Der Dreetzer Forst ist eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete im Altkreis Kyritz. Bis vor 70 Jahren verbarg sich in ihm eine gewaltige Industrieanlage, um die sich noch heute Legenden ranken: ein Werk der Deutschen Sprengchemie. Tausende Menschen produzierten dort, weitab von den üblichen Wirtschaftszentren, Sprengstoff für den Krieg, der ganz Europa verwüstete.
Geblieben sind davon nur die Häuser der Waldsiedlung bei Dreetz sowie Betonstraßen, Trümmer und Gebäudereste mitten im Wald, die bei Besuchern regelmäßig Fragen auslösen – und durchaus auch bei Einheimischen. „Die Leute, die da gearbeitet haben, haben später kaum was erzählt“, berichtet am Montag Joachim Ribbe, der das Gelände seit seiner Kindheit kennt. Er geht davon aus, dass der Einsatz von Zwangsarbeitern und die elenden Bedingungen, unter sie für den Krieg schuften mussten, ein Grund für das jahrzehntelange Schweigen sind.
Die meisten Zeitzeugen leben inzwischen nicht mehr. Doch das Interesse an der Geschichte scheint seit einigen Jahren wieder zu wachsen. Bei ihrem jährlichen „Heimatabend“ am Freitag widmete sich die Dreetzer Heimatstube dem Thema. In mehreren Vorträgen gingen unter anderem Joachim Ribbe und Jörg-Peter Kröhnke auf die Geschichte der Sprengchemie in Dreetz ein. Es gab historische und aktuelle Fotos sowie einen Film zu sehen, den Neustädter Schüler vor Jahren gedreht hatten. Material beigesteuert hatten beispielsweise auch Wolfgang Benn aus Neustadt und der Dreetzer Friedrich-Wilhelm Füllgraf. Vorneweg spielten die „Rhinluch-Musikanten“, Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr sorgten für die gastronomische Betreuung.
Die Resonanz auf dieses Angebot überwältige die Veranstalter am Freitag regelrecht. Sie hatten zwar mit Andrang gerechnet, aber nicht in diesem Maße. Der Saal, der etwa 200 Besucher fasst, reichte nicht aus. Eine ganze Reihe von Interessenten musste abgewiesen werden. Deshalb wiederholt die Heimatstube ihre Veranstaltung am kommenden Freitag, dem 3. März, um 19 Uhr im Gemeindezentrum in der Bartschendorfer Straße.
Dokumente aus der Zeit des Sprengstoffwerkes
Im Namen der Heimatstube zeigte sich Joachim Ribbe hochzufrieden – zumal einige Besucher nicht mit leeren Händen gekommen waren. Sie brachten Dokumente und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit des Sprengstoffwerkes mit, erzählten Erlebnisse und Geschichten über die Fabrik.
Für die Heimatstube ist gerade so etwas von unschätzbarem Wert. Denn Quellen zu diesem Aspekt der Ortsgeschichte sind recht selten. Zeitzeugen schweigen, wie schon erwähnt, sehr lange. Auch von offizieller Seite sind Fakten nur mühsam zu beschaffen. „Da spielt immer noch Geheimhaltung eine Rolle“, vermutet Joachim Ribbe. „Es ist schwer, an Dokumente zu kommen.“ Über die Jahre sammelte sich aber doch einiges an Fakten aus der Geschichte an.
Der Wald diente als natürliche Tarnung
1938 begann der Bau des Werkes, nachdem sich Wehrmacht und Unternehmen auf den Standort bei Dreetz geeinigt hatten. In ganz Deutschland entstanden zu der Zeit acht nahezu baugleiche Anlagen dieser Art. In Dreetz sicherte die Berlin-Hamburger Bahnstrecke die Verkehrsanbindung. Der Wald diente als natürliche Tarnung. Für das Führungspersonal entstanden die Häuser der heutigen Waldsiedlung. Ein Großteil der Belegschaft war allerdings in einem Barackenlager nahe dem heutigen Arboretum kaserniert.
Auf einer großen Fläche im Wald wurden Straßen, Gebäude, Laderampen und Produktionsstätten errichtet – alles in allem rund 300 Bauten, von denen noch immer Überreste zu finden sind. Besonders markant sind die vier „Ölberge“, in denen Sprengöl produziert wurde. Alle wichtigen Produktionsanlagen waren gegen Luftangriffe geschützt und entsprechend massiv. Solch einen Angriff gab es aber nie. Das Werk wurde erst nach Kriegsende zerstört.
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